Von alten Wegen und Heimkehrern
Vorneweg: Ich bin ein Sommerkind. Durch und durch.
Doch jetzt kommt das leise Aber. Während andere hoffen, der Sommer möge niemals enden, liebe ich den Wechsel der Jahreszeiten. Diese kleinen, feinen Übergänge. Denn seien wir mal ehrlich – das immer gleiche Wetter wäre auf Dauer auch ziemlich langweilig. Und vor allem würden wir verlernen, all die kleinen Dinge zu schätzen, die die Jahreszeiten so besonders machen.
Petrichor. Der Geruch von Regen auf heißen Kopfsteinpflaster. Sogar ein eigenes Wort gibt es dafür ... und ich kann ihn fast schon riechen. Die klare Luft nach einem Sommergewitter. Kunterbunte Naturlandschaften. Kurz gesagt: Die Vorfreude auf den Herbst kribbelt im Kopf. Der auch ein irgendwo bisschen wie der Frühling ist – schließlich taucht er Dorf Tirol ebenso in bunte Farben.
Wenn die Natur den Takt vorgibt
Nicht nur Licht und Landschaft verändert sich, sondern auch unser Rhythmus. Jede Jahreszeit birgt ihre eigenen Rituale und Traditionen – Dinge, die jedes Jahr wiederkehren und gerade deshalb so schön sind. Weil man sie kennt, sich auf sie freut und sie dennoch nie selbstverständlich werden.
Im Herbst beginnt vieles mit der Ernte. Was den Sommer über auf den Feldern gewachsen ist, wird nun gepflückt, gelesen, geschnitten, gezogen und ausgegraben. Wie bei meinem Bruder Markus, auf dem Meringerhof. Die Schätze, die dort heranreifen, finden später ihren Weg in unsere Lisetta-Küche. Und ich übertreibe nicht, wenn ich Ihnen sage, dass sich einer darüber gaaaaanz besonders freut – Chefkoch Andy. 😉 Erst kürzlich haben wir zusammen über seine Ideen für die Herbstsaison geplaudert und seine Augen haben dabei schon verdächtig geleuchtet. Mit anderen Worten: Die Ernte ist noch nicht einmal eingefahren, aber Andy ist gedanklich schon dabei sie zu verarbeiten. Der Herbst darf also kommen, denn dieser Mann hat Pläne. Hihihi ...
Und dann ist da noch das Törggelen. Südtirols fünfte Jahreszeit, wenn man so will. Auch darauf freue ich mich riiiiesig. Aber nicht nur auf die gebratenen Kastanien und den neuen Wein – sondern vor allem auf das, was rundherum passiert: Menschen, die auf der Lisetta-Terrasse zusammensitzen, miteinander plaudern, lachen und sich Zeit füreinander nehmen. Der Herbst hat diese besondere Art, Raum für Begegnungen zu schaffen. Man rückt wieder näher zusammen. ♥️
Hüben, drüben und dazwischen die Berge
Nicht nur die kunterbunten Landschaftsfarben und die Ernte charakterisieren den Herbst – sondern auch Traditionen, die weit über den Küchentisch hinausreichen. Manche davon werden seit Jahrhunderten gepflegt und erzählen viel darüber, wie eng das Leben der Menschen hier mit der Natur und dem Wechsel der Jahreszeiten verbunden ist. Wenn im Herbst die Tiere von den Almen ins Tal zurückkehren, wird daraus ein festlicher Almabtrieb. Und im Schnalstal erzählt die jahrhundertealte Transhumanz noch heute davon, wie Mensch, Tier und Landschaft ihren Rhythmus miteinander gefunden haben. Zwei unterschiedliche Traditionen, die eines verbindet: Sie erzählen von der tiefen Verbundenheit mit der Natur und halten ein Stück bäuerliche Kulturgeschichte lebendig.
Die Almabtriebe: Heimkehren vom Berg ins Tal
Während wir Zweibeiner uns bei steigenden Temperaturen im Schwimmbad erfrischen, verbringen die Vierbeiner, etwa Kühe, Schafe oder Ziegen, ihre Sommerfrische in luftiger Höhe – auf manchmal recht abgelegenen und idyllischen Almen. Dort oben liegen sie aber nicht faul herum*, sondern betreiben ganz nebenbei Landschaftspflege. Beim gemütlichen Grasen spielen sie den natürlichen „RasenMÄHer“ und verhindern so, dass die wertvollen Wiesen von Sträuchern und Bäumen überwuchert werden.
*so wie wir das tun … 😉
Irgendwann ist auch für die Vierbeiner die Sommerfrische vorbei. Wenn es in den Ställen im Tal wieder gemütlicher wird als draußen auf der Alm, heißt es: ab nach Hause. Vor allem die Kühe treten den Rückweg dabei keineswegs „underdressed“ an. 😉 Mit Blumen, Bändern und kunstvollen Kränzen geschmückt, machen sie sich bereit für ihren großen Auftritt. Begleitet vom lauten Glockengeläute und den Hirten geht es von der Alm hinunter ins Tal, wo die Heimkehr mit traditionellen Festen gefeiert wird. Wann genau es soweit ist, hängt von Höhenlage und Witterung ab – meistens aber zwischen Mitte August und Ende Oktober.
Almabtrieb-Termine 2026
Rund um Dorf Tirol sind Almabtriebe eher selten – in der näheren und weiteren Umgebung gibt es aber einige schöne Möglichkeiten, die festliche Heimkehr der Tiere mitzuerleben. Einige finden bereits vor dem Erscheinen dieses Magazinartikels statt, andere stehen erst im September und im Oktober auf dem Programm. Für alle die den Almabtrieb heuer noch live erleben möchten sind diese Termine besonders empfehlenswert:
- Almabtrieb in Truden | 12.09.2026
- Schafabtrieb im Zieltal (Partschins) | 20.09.2026
- Almabtrieb in Altrei | 26.09.2026
- Almabtrieb Seiser Alm | 03.10.2026
- Almabtrieb Tiers am Rosengarten | 04.10.2026
Die Transhumanz: Wo Wege Grenzen überschreiten
Für andere Regionen mag es eine Wanderung zur nächsten Alm sein, im Schnalstal aber ist es eine transalpine Reise über Berge, Gletscher – und eine Staatsgrenze. Aus AlmAUFtrieb wird SchafÜBERtrieb, und das im wortwörtlichen Sinne. Wenn im Juni im Schnalstal bis zu 5.000 Schafe und auch einige Ziegen aufbrechen, liegt ein weiter Weg vor ihnen. Gemeinsam mit Hirten und Treibern wandern sie rund 44 Kilometer bis zu den Sommerweiden im hinteren Ötztal (Österreich) bei Vent und Gurgl – eine nicht ungefährliche Reise, die es in zwei bis drei Tagen zu meistern gilt.
Dabei geht es stetig bergauf. Über das Nieder- und Hochjoch, über einsame Steige und Geröllfelder, vorbei an reinen Bergquellen, über Eisfelder und Gletscherspalten. Eine anspruchsvolle Route, die viel Erfahrung verlangt – und Respekt vor den Bergen. Denn, selbst mitten im Sommer kann das Wetter plötzlich umschlagen: Gewitter, Schneefall oder ein Wettersturz können aus einem sonnigen Bergtag innerhalb kürzester Zeit eine Herausforderung machen.
"In den einsamsten Orten in den Bergen und nachts bei der Beobachtung des Sternenhimmels erlebe ich das Geheimnisvollste und fühle mich mit der Großartigkeit der Schöpfung sehr verbunden."
- Friedrich Gurschler (Schnalstaler Künstler) *
Oben angekommen verbringen die Schafe rund drei Monate auf den Hochweiden im Ötztal.
Die Hirten leben während dieser Zeit in einfachen, alten Schäferhütten, bevor es im September wieder gemeinsam zurück nach Südtirol geht. Was von außen fast selbstverständlich wirkt, beruht auf viel Erfahrung und vor allem auch Vertrauen. Man muss sich aufeinander verlassen können – auf die anderen Hirten und Treiber, auf die Tiere und letztlich auch auf die Berge. Das Wissen darüber, wie man sich in dieser Landschaft bewegt, Wetterveränderungen einschätzt und Mensch und Tier sicher durch das Hochgebirge bringt, wird seit Generationen weitergegeben. Die Transhumanz ist eine alte Form der Wanderweidewirtschaft und eine der ältesten und größten Schafwanderungen im Alpenraum – bereits im Jahre 1415 wurde sie erstmals schriftlich dokumentiert.
Sie hat nicht nur die Tiere über die Berge geführt, sondern auch die Menschen auf beiden Seiten miteinander verbunden. Zwischen „hüben und drüben“ sind über die Jahrhunderte Beziehungen gewachsen, die bis heute bestehen. Und die Schafe hinterlassen dabei mehr als nur ihre Spuren: Durch ihr Zutun halten sie die Hochweiden offen, fördern die Artenvielfalt und tragen dazu bei, die empfindliche Landschaft zu erhalten. So außergewöhnlich diese Wanderung ist, so selbstverständlich gehört auch das Feiern dazu. Wenn die Herden im Herbst wieder zurückkehren, wird ihre Heimkehr bei traditionellen Hirtenfesten etwa in Kurzras und Vernagt gefeiert. Seit 2019 gehört die grenz- und gletscherüberschreitende Transhumanz zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO und wird bis heute jedes Jahr aufs Neue gelebt.
Transhumanz-Termine 2026
- Vernagt | 12. September 2026
Eintreffen der Herde gegen 14 Uhr | Hirtenfest ab 10 Uhr
- Kurzras | 13. September 2026
Eintreffen der Herde zwischen 15 und 16 Uhr
Nicht live dabei, aber neugierig geworden? Dann geht’s eben auf virtuelle Bergtour: Die beiden Videos begleiten die Transhumanz und lassen Sie ein Stück weit miterleben, was sich zwischen Schnalstal und Ötztal abspielt.
Fotos: TV Dorf Tirol: Helmuth Rier, Benjamin Pfitscher, Florian Andergassen; TV Tiers: Martin Kompatscher; IDM Südtirol-Alto Adige: Manuel Ferrigato, Benjamin Pfitscher, Frieder Blickle, Tina Sturzenegger; IDM/Sennereiverband Südtirol: Marco Parisi
* Quelle: https://transhumanz.eu/friedrich-gurschler/